Mit Infusionen gegen Multiple Sklerose

Patienten, die an Multiple Sklerose erkrankt sind, erhalten im neuen Infusionszentrum am Universitätsklinkum Dresden innovative Antikörper-Therapien.

Die Infusionstherapie mit monoklonalen Antikörpern wird bei Patienten mit Multiple Sklerose seit der Zulassung des ersten Antikörpers vor mehr als 10 Jahren immer stärker angewandt. Mit dem neuen Infusionszentrum hat die Klinik für Neurologie bereits die entsprechende Infrastruktur für die nicht-stationäre Gabe der Infusionen zur Verfügung. Insge­samt stehen damit zwölf tagesklinische Behandlungsplätze zur Verfügung. Dadurch ist es für die Patienten möglich, nach der Behandlung wieder nach Hause zu fahren. Ein wichtiger Vorteil, denn von der Krankheit sind vor allem viele junge Menschen betroffen, die aktiv im Berufsleben stehen. Für jene ist die ambulante Therapieform eine große Erleichterung. Zudem wurden die stationären Kosten zuletzt häufig nicht mehr von den Krankenkassen übernommen. Mit der neuen Struktur ist es in den meisten Fällen nicht mehr notwendig, die Infusionen im Rahmen eines stationären Aufenthalts zu verabreichen. „Das führt zu einer besseren Planbarkeit. Na­türlich haben akute Notfälle stets Vorrang, was in der Ver­gangen­heit dazu führte, dass wir Patienten aus Platzgründen bisweilen nicht mehr stationär aufnehmen konnten“, erklärt Prof. Dr. Tjalf Ziemssen, der Leiter des Multiple Sklerose-Zen­trums. Betreut werden die Patienten in der Tagesklinik von einem spezialisierten Team, das aktuell aus einer Ärztin und zwei spezialisierten Schwestern besteht.

Prof. Dr. Tjalf Ziemssen, Leiter des Zentrums für klinische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden / Foto: Ralf U. Heinrich

Anitkörper statt Spritze oder Tablette

Die Infusion mit Antikörpern hat gegenüber anderen konventionellen Therapien mit Spritzen oder Tabletten entscheidende Vorteile. „Wir können viel zielgenauer und individueller ge­gen die Krankheit vorgehen“, beschreibt Prof. Tjalf Ziemssen. Dadurch gibt es weniger Nebenwirkungen bei der Therapie. Die Schübe, die für die Krankheit so charakteristisch sind, können reduziert und dadurch ein Fortschreiten der Erkran­kung eingedämmt werden. Gleichwohl ist die Erfahrung, die Prof. Tjalf Ziemssen und sein Team mitbringen, ein unerlässlicher Faktor für die Einstellung der Therapie und damit den Erfolg der Behandlung. Entsprechend lange forscht und arbeitet der Neurologe bereits in diesem Feld. Viele der heutigen Patienten waren sogar schon bei einer der über 30 Studien im Vorfeld der Zulassung der Infusionstherapie beteiligt, die von der Klinik für Neurologie durchgeführt wurde. Von der Thera­pie profitieren übrigens nicht nur Patienten mit Multiple Sklerose. Auch Menschen mit Myasthenia gravis, einer neurologisch bedingten Muskelschwäche, kommen beispielsweise in die Tagesklinik für Infusionsbehandlungen.

Hohe Nachfrage

Die Nachfrage nach der Behandlung hoch. Teilweise nehmen die Patienten einen weiten Anfahrtsweg in Kauf. Bis nach Nord­bayern und Brandenburg erstreckt sich der Patienten­kreis des deutschlandweit größten universitären MS Zen­trums. Sogar aus Russland oder den USA kommen an Multiple Sklerose Erkrankte, um sich in Dresden behandeln zu lassen. Um einer möglichst großen Patientenzahl die Behandlung zu ermöglichen, wird das Infusionszentrum gerade auf einen Zweischichtbetrieb umgestellt. „Wir hatten auch überlegt, neurologische und onkologische Patienten zusammenzuführen, sind von dem Plan aber wieder abgekommen“, sagt Prof. Tjalf Ziemssen. „Beim ja doch recht langen Aufenthalt im Infusionszentrum lernen sich die Patienten kennen und können Erfahrungen austauschen. Da ist es zielführender, wenn wir die Patientengruppen geschlossen halten.“ Tatsächlich gibt es inzwischen Patienten, die die Behandlung regelmäßig gemeinsam vollziehen. Immerhin kann die können die In-fusionen bis zu sieben Stunden dauern.

Verzahnung von Forschung, Lehre und Therapie

Ohnehin setzt das Zentrum für Multiple Sklerose, das von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zertifiziert wurde, auf eine starke Verzahnung von Krankenversorgung Forschung und Lehre. Dazu gehört ein patientennaher Wis­sens­transfer. So werden Vorträge angeboten, die den Patien­ten das Leben mit der Krankheit erleichtert. Psychosoziale Beratung gehört zum Tagesgeschäft des Zentrums. Dazu gehört aber auch eine ständige Verbesserung bereits durchgeführter Therapievarianten und generell eine intensive For­schungstätigkeit, häufig in Kooperation mit geistesverwandten Instituten in Deutschland ,Europa und den USA. Das Zen­trum für Multiple Sklerose profitiert dabei erheblich von der engen Anbindung an das Institut für Diagnostische und Inter­ventionelle Neuroradiologie. Dass die Behandlung beispielgebend ist, zeigt sich nicht nur an den stetig steigenden Pa­tienten­zahlen, sondern auch an der Tatsache, dass das Zen­trum 2018 erneut auf die Focus-Klinikliste aufgenommen wurde, als deutschlandweit eines der drei besten Multiple Sklerose-Therapiezentren.

Das Blut gibt Aufschluss über das Gehirn

Doch nicht nur mit dem neuen Infusionszentrum gehen die Mediziner der Klinik für Neurologie neue Wege. Wie Anfang des Jahres bekannt wurde, nutzt die Klinik ein neuartiges Messgerät, um den Anteil des Gehirnproteins Neurofilaments im Blut zu bestimmen. Mit dem Neurofilament-Protein gibt es im Blutserum einen Biomarker, mit dem die Aktivität der Mul­tiplen Sklerose und die Wirksamkeit der entsprechenden Medikamente schnell und reliabel bestimmt werden kann. Die Analyse ist zwar noch recht teuer, dürfte sich aber dennoch über kurz oder lang durchsetzen, da andere Diagnostik­ver­fahren wie die Magnetresonanztomografie wegfallen könnten. Insofern sollten also auch die Krankenkassen ein Interesse daran haben, dass sich die Methode durchsetzt. In den USA wird die spezielle Blutanalyse zur Überprüfung von Hirn­schäden bereits in der National Football League (NFL) im US-amerikanischen Football-Sport eingesetzt, um Spielern mit kritischen Werten Erholungsphasen zu ermöglichen. Das kommt nicht von ungefähr. Immerhin zählen Profisportler, die im Laufe ihrer Karriere mehrere kleinere Hirntraumata erlitten haben, zur Patientengruppe, bei der das Risiko einer neurodegenerativen Erkrankung besonders hoch ist. Weitere Anwendungsmöglichkeiten für das Messverfahren werden darüber hinaus gerade erprobt.                                               

Redaktion: Philipp Demankowski

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