Wandel und Kooperation: Das UniversitätsCentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie

Prof. Dr. Schaser (2.v.l.) und Prof. Dr. Günther (2.v.r.) .mit ärztlichen Mitarbeitern am OUC / Foto: Universitätsklinikum Dresden/Thomas Albrecht
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Prof. Dr. Klaus-Peter Günther hat maßgeblich zur Schaffung des UniversitätsCentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie (OUC) beigetragen, dessen geschäftsführender Direktor er seit der Gründung vor fünf Jahren ist. Er ist deutschlandweit und international einer der führenden Experten im Bereich Hüftchirurgie. Prof. Dr. Klaus-Dieter Schaser wurde 2015 aufgrund seiner exzellenten Qualifikation sowohl im Bereich der Unfallchirurgie als auch in weiteren Bereichen (Tumor- und Wirbelsäulenchirurgie) als ärztlicher Direktor an das OUC berufen. Beide führen das Zentrum gemeinsam und arbeiten daran, modernste Diagnostik und Behandlungsverfahren zu entwickeln und in der Behandlung der Patienten einzusetzen. Dafür betreibt das OUC zusätzlich intensiv klinische und experimentelle Forschung. Im Gespräch erzählen die beiden Direktoren, welche Neuerungen und Verbesserungen in der Arbeit das neue Operative Zentrum im Haus 32 bringt.

Bitte erzählen Sie, wie Sie nach Dresden gekommen sind und wie es zur Gründung des OUC kam?

Prof. Dr. Günther: Ich bin 2002 als Direktor der Universitäts­klinik für Orthopädie nach Dresden berufen worden. Zu diesem Zeitpunkt war Prof. Dr. Zwipp Direktor der Klinik für Unfall­chirur­gie und beide Kliniken waren separat, wie es auch damals noch die getrennten Fachärzte für Orthopädie auf der einen Seite und Unfallchirurgie auf der anderen Seite gab. Kurz darauf sind aber diese Weiterbildungen zum „Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie“ zusammengeführt worden. Das heißt, in der Weiterbildungsordnung gibt es nur noch einen Arzt – jede(r) junge Facharzt/-ärztin, der jetzt fertig wird in unserem Centrum wie auch in ganz Deutschland, ist beides, Ortho­päde/-in und Unfallchirurg/-in. Wir haben uns deshalb überlegt, auch die ehemals getrennten Kliniken in einem Pilot­modell zusammenzuführen, was zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland neben der Charité einmalig war. Das bedeutete, über eine neue Klinikstruktur die Orthopädie und die Unfall­chirurgie in ein Zentrum mit zwei Leitungsfunktionen zu integrieren. Prof. Dr. Zwipp hat dann im neuen Zentrum, das 2013 gegründet wurde, die unfallchirurgischen Schwerpunkte geleitet und ich die orthopädischen. Es gibt beispielsweise eine Sektion obere Extremität, eine Hüfte, eine Knie, eine Sprung­gelenk und Fuß. Es gibt eine Sektion Akutversorgung, in der überwiegend frische Verletzungen versorgt werden. Und Sie merken schon, die Worte Orthopädie und Unfallchirurgie tauchen nicht mehr auf, weil dort Orthopäden und Unfall­chirurgen gemeinsam zusammenarbeiten in diesen Sektionen.

Prof. Dr. Klaus-Dieter Schaser (li.) und Prof. Dr. Klaus-Peter Günther sind die Direktoren des UniversitätsCentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie (OUC) / Foto: Universitätsklinikum Dresden/Thomas Albrecht

Prof. Dr. Schaser: Ich bin 2015 von der Charité – Universitäts­medizin Berlin nach Dresden gekommen und habe die Nachfolge von Prof. Dr. Zwipp als Direktor für Unfallchirurgie übernommen. Genau wie er leite ich nun das Centrum mit Prof. Dr. Günther zusammen. Meine Motivation nach Dresden zu kommen waren neben der Nutzung der hervorragenden lokalen wissenschaftlichen Rahmenbedingungen eines Zentrums für Translationale Knochen-, Gelenk- und Weichgewebefor­schung (TFO), Center for Regenerative Therapies Dresden (CRTD), eines Universitäts KrebsCentrums (UCC) [mittlerweile Natio­-nales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)] etc. v.a. genau diese Struktur des OUC. Es bot zum damaligen Zeitpunkt deutschlandweit eine einzigartige Möglichkeit, meine über 10-jährigen Erfahrungen in einem gemeinsamen musculoskeletalen Centrum einzubringen. Aufgrund der in den letzten 20 Jah­ren exzellenten Etablierung einer bereits in verschiedenen Teilgebieten hochspezialisierten universitären Unfallchirurgie durch Prof. Zwipp, sah ich hier auch die Chance eine flächendeckende spezielle Versorgung im Bereich schwerer Weichteil-, Wirbel­säu­len- und Beckenverletzungen sowie komplexer Ex­tre­­mitäten­traumen auf höchstem Niveau sicherzustellen und diese Kompetenz am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus weiter auszubauen. Zudem kann ich hier meine Expertise in der musculoskeletalen Tumorchirurgie einbringen. Neben der operativen Behandlung von gutartigen Tumoren steht dabei auch die Therapie von den eher seltenen primär bösartigen Tu­moren des Knochen- und Weichteilgewebes, den sogenannten Sarkomen, im Fokus, deren operative Versorgung nur in Zen­tren mit hohen Erfahrungswerten in der interdisziplinären Behandlung dieser Erkrankungen erfolgen soll.

Im neuen operativen Zentrum stehen daher sowohl im Trauma-, Wirbelsäulen- wie auch im Tumorbereich mit den mit den dort vorhandenen Bedingungen einmalige und perfekte technische Voraussetzungen und räumliche Bedingungen zur Verfügung um unabhängig vom vorliegenden Problem höhere Überlebenswahrscheinlichkeiten sowie gute funktionelle postoperative Ergebnisse zu erzielen.

Was hat sich in den fünf gemeinsamen Jahren seit Gründung des OUC verbessert?

Prof. Dr. Günther: Vorher war es so, dass die Unfallchirurgen und Orthopäden in Bereichen, in denen sie allein besonders gut sind, einen Patienten behandelten und in überlappenden Bereichen bestimmte Dinge von beiden versorgt worden sind. Jeder hat einen etwas anderen Erfahrungshintergrund bei der Behandlung von und dem Umgang mit Patienten. Gerade eben bei überlappenden Erkrankungsbildern und Verlet­zungs­­for­men, etwa wenn Patienten mit einem künstlichen Knie- oder Hüftgelenk Brüche erleiden, ist es aber besonders gut, wenn orthopädische und unfallchirurgische Expertise zu­sammenkommen. Die spürbaren Vorteile dieser Zusam­men­­arbeit ha­ben dazu geführt, dass einerseits Patienten davon profitieren und andererseits die Mitarbeiter sich weiter entwickeln. Unabhängig von dieser Zusammenführung ist es aber aus bestimmten Gründen wichtig, gerade an einer Uni­versitäts­klinik ganz spezielle Expertise in bestimmten Be­rei­chen vorzuhal­ten. Ich persönlich vertrete spezielle orthopädische Schwerpunkte im Bereich der gelenkerhaltenden Chirurgie am Hüftgelenk und den Hüftgelenkersatz. Deshalb verstehe ich zwar verschiedene Dinge von der Unfall­chirur­gie, aber bei weitem nicht so tief, wie es Prof. Dr. Scha­ser versteht – wir beide ergänzen uns und vertreten uns administrativ optimal, können uns aber chirurgisch-operativ nicht vollständig ersetzen.

Prof. Dr. Schaser: Wie sich das später weiterentwickelt, wird man sehen, denn das Fach ist ja sehr groß. Und die jungen Mitar­bei­ter, die jetzt gemeinsam mit beidem aufwachsen, werden auch in der Lage sein, beides zu vertreten. Insgesamt ist das Fach aber tatsächlich so breit, dass es gerade im universitären Be­reich notwendig ist, dass man sich eine Spitzen­ex­per­tise aneignet. Die Tendenz geht hier klar in Richtung Spe­zialisierung innerhalb unserer Fachgebiete, mit etablierten Spezialsektionen, welche über die Vorhaltung maximaler Expertise und Kompetenz im integrativen Teamansatz und uni­versellen Versorgungsanspruch die hochqualitative Versorgung des gesamten Spektrums musculoskeletaler Verletzungen sicherstellen. So gibt es neben der Akutsektion für notfallmäßige Versorgungen einfach- und schwerverletzter Patienten im OUC chirurgische Spezialsektionen für Hüftgelenk-/ Becken-, für Fuß-/ Sprung­gelenk-, für Wirbelsäulen-, für Schulter-/ Ellen­bogen­gelenks­chirurgie, für Kinder- und Tumorortho­pädie, Knie­endo­prothetik und Sporttraumatologie, septische Chirur­gie und auch eine Abteilung für Plastische und Handchirurgie.

An der Wirbelsäule kann man diesen Aspekt gut erklären. Es wird später nicht mehr Orthopäden/-innen und Unfallchirur­gen-/innen geben, die die Wirbelsäule operieren. Es wird Wir­bel­­säulenchirurgen/-innen geben, die infolge des gemeinsamen Facharztes Orthopäden/-innen und Unfallchirurgen/-innen zugleich sind. Sie können sowohl Brüche an der Wir­belsäule versorgen als auch Erkrankungen, Bandscheiben­vor­fälle und Tumore behandeln und können so ganz spezialisiert an der Wirbelsäule tätig werden.

Welche Herausforderung ist dabei die größte?

Prof. Dr. Günther: Die schwierigste Herausforderung ist vielleicht, die gewohnten Lebens- und Arbeitswelten der Mitarbei­ter, die ja über Jahrzehnte zum Teil bestanden, zu verändern. Neue Arbeitswege zu schaffen und die Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass es notwendig ist, diesen gemeinsamen Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie zu entwickeln, den auch zu leben und hier an der Klinik zu etablieren. Das ist uns so gut gelungen, weil sowohl mit dem früheren Partner von mir, Prof. Dr. Zwipp, als auch jetzt mit Prof. Dr. Schaser ein außerordentlich kollegiales Arbeiten möglich ist.

Prof. Dr. Schaser: Durch die optimierten Bedingungen im operativen Zentrum können wir diese Herausforderung noch viel besser angehen. Hier arbeiten Mediziner verschiedener Diszi­pli­nen ohnehin Hand in Hand und räumlich sehr gut vernetzt miteinander und die Umsetzung der zuvor erwähnten hochspezialisierten Eingriffe in maximaler Effizienz und Sicherheit auch bei großen Patientenzahlen kann wie auch die Durch­führung klinischer Studien auf höchstem Evidenz-Level zuverlässig geleistet und initiiert werden. Beispielsweise wird die Therapie von Kno­chen­tumoren, Weichgewebstumoren und Knochenmetastasen deut­lich verbessert. Gemeinsam mit un­se­ren Kollegen aus der Onkologie, Radiologie, Strahlen­the­ra­pie, Pathologie, Psycho­lo­gie, Chirurgie und Orthopädie erarbeiten wir für unsere Pa­tien­ten jeweils individuelle tumorspezifische Behandlungspläne. In gemeinsamen Tumorkonfe­ren­zen werden insbesondere komplizierte und ungewöhnliche Fälle dargestellt und intensiv diskutiert, um das diagnostische und therapeutische Vorgehen zu optimieren und die Patienten in laufende klinische Studien einzuschließen.

Was hat sich in den speziellen Arbeitsbereichen von Ihnen beiden in den letzten Jahren verändert?

Prof. Dr. Schaser: Durch die Erarbeitung innovativer interdisziplinäre Versorgungskonzepte für komplexe Verletzungs­mus­ter konnte das effektive Management bei Massenaufkommen schwer- und mehrfachverletzter Patienten deutlich verbessert werden. Die führende Rolle der überregionalen Traumazentren (Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden sowie Krankenhaus Friedrichstadt) im Traumanetzwerk (TNW) Ostsachsen konnte fortgeführt und die Traumaversorgung im und um den Großraum Dresden gestärkt werden. Ferner wurde die hochspezialisierte operative Versorgung von Wirbelsäulenerkrankungen deutlich verbessert. Die Einführung intraoperativer multidimensionaler Bildgebung und Navigation, kann in den im neuen OP-Zen­trum verfügbaren sog. Hybrid-OP-sälen (OP-säle mit bildgebenden Anlagen wie Computertomographie, offenem MRT, Angio­grafie, Navigationsgeräten etc.) noch einmal deutlich ver­bessert durchgeführt werden und ist ein wichtiges überregionales Alleinstellungsmerkmal des am UKD zertifizierten Level-1 Interdisziplinären Wirbelsäulenzentrum nach den Kriterien der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG). Ins­be­sondere bei der minimalinvasiven Behandlung von Ver­let­zun­gen, degenerativen Erkrankungen und Tumoren der Wir­belsäule und des Beckens ist dies von entscheidender Bedeutung.

Prof. Dr. Günther: Im Bereich des Hüftgelenkes sind gerade in den letzten Jahren Konzepte für die Behandlung von Form­stö­run­gen des Hüftgelenkes entwickelt worden, wie man geschädigte Hüftgelenke erhaltend behandeln kann. Das Ziel ist ja immer, durch bestimmte Behandlungen, durch Um­stel­lungs­­opera­tionen am Hüftgelenk beispielsweise, gestörte Gelenke zu erhalten und den Kunstgelenkersatz hinauszuzögern oder zu vermeiden, also die damit verbundene Abnutzung zu verlang­samen oder gar zu verhindern.

Wenn das nicht mehr möglich ist, gibt es einen künstlichen Gelenkersatz. Die Technik dafür ist in den letzten Jahren durch verbesserte Materialien und verbesserte Operationsverfahren ebenfalls extrem verfeinert worden. Stichwort ist die minimal­invasive Endoprothetik, die sehr gewebeschonend ist und ohne Verletzung von Muskeln künstliche Gelenke einbringt.

Dazu gehört die Navigation, die bildgestützte Einbringung von Materialien, von Implantaten oder Kunstgelenken zum Beispiel. Ein weiterer Aspekt, der sich enorm entwickelt hat, ist das Wissen um Risikofaktoren für ein schlechteres Ergebnis und um Unterstützungsfaktoren für ein gutes Ergebnis. Heute wissen wir sehr genau, welche Rolle etwa Übergewicht spielt und welche Rauchen. Wir wissen, welche Rolle die Schul­bil­dung von Patienten spielt oder der Familienstand bei der Zu­frieden­heit mit dem künstlichen Hüft- oder Kniegelenk nach der Operation.

Ärztliche und wissenschaftliche Mitarbeiter am OUC, 2017 / Foto: Universitätsklinikum Dresden

In welche Richtung wird sich Ihr Gebiet in den nächsten 10, 15 Jahren verändern?

Prof. Dr. Günther: Ich glaube, dass es noch Entwicklungs­möglich­­keiten in der gelenkerhaltenden Chirurgie bei der Verfeinerung der Techniken gibt. So wird man beispielsweise die computergestützten Gelenkumstellungen durch Naviga­tion noch weiter verbessern können. Gleiches gilt für die Endo­prothetik, da gibt es im Moment diverse Untersuchungen, wie man z.B. verschiedene roboterassistierte Verfahren so ein­be­zie­hen kann, das künstliche Gelenke die geringstmögliche Über- oder Fehl­be­lastung haben. Ein weiterer Bereich, der an der Hüfte ebenfalls eine sehr wichtige Rolle spielt, ist die Be­handlung von Knorpelerkrankungen. Wenn der Knorpel in an­deren Gelenken wie z.B. am Knie gestört ist, gibt es bisher die Möglichkeit der Knorpeltransplantation, bei der man Eigen­knorpel vom Pa­tien­ten nimmt, anzüchtet und nach einer Ver­mehrung wieder zurückgibt. Da sind wir am Hüftgelenk jetzt eben­falls mit bestimmten Untersuchungen und klinischen Stu­dien dabei, das weiter auszubauen. Hier wird sich in den nächsten Jahren einiges tun und gleiches gilt für den Bereich des Knochen­ersatzes.

Prof. Dr. Schaser: Wir haben ja viele Erkrankungen in Ortho­pädie und Unfallchirurgie, die mit Knochendefekten verbunden sind, etwa Tumorerkrankungen, bei denen man ein Stück Kno­chen herausnehmen muss, oder Knochenbrüche, bei denen ein Stück Knochen aus dem Körper fehlt, nach einer Unfallbe­handlung beispielsweise oder auf Grund von Ent­zündungen. Mit der entsprechenden Forschung befassen wir uns auch intensiv im Zentrum für Translationale Knochen-, Gelenk- und Weichgewebeforschung bei Prof. Dr. Gelinsky.

Eines ist in diesem Zusammenhang für die Orthopädie und Unfallchirurgie noch besonders wichtig: Wir haben hier im OUC seit gut einem Jahr auch eine eigenständige Abteilung für Plastische und Hand-Chirurgie, in der man große Gewebe­defekte mit entsprechenden mikrochirurgischen Techniken versorgen kann. Prof. Dr. Dragu, der Leiter der Abteilung, hat für solche plastischen Operationen aber auch für Versor­gun­gen thermischer Verletzungen sowie komplexe Traumata im Be­reich der Hand wie auch für Makro-Replantationen und komplizierte Defektdeckungen nach posttraumatischen/ durch onkologische Resektionen bedingte oder infektassoziierten Gewebeverlust – eine spezielle Expertise mit überregionaler Strahlkraft.                                                                        

Text: Uta Wiedemann

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