Schnell behandeln nach dem Ampelprinzip

Foto: Universitätsklinikum Dresden/Thomas Albrecht
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Das Haus 32 bietet der chirurgischen Notaufnahme optimale Bedingungen für eine effiziente Versorgung – zum Wohle der Patienten.

Die chirurgische Notaufnahme stellt mit insgesamt 35.000 Patienten pro Jahr den größten Notfallbereich des Uni­versitätsklinikums Carl Gustav Carus dar. Als Universitäts­klinik mit verschiedensten Zentren, wie dem überregionalen Trauma­zentrum, Level-1 Wirbelsäulenzentrum, Kinderpoly­trau­ma­­zen­trum, Replantationszentrum und vielen mehr, nimmt die chi­rur­gische Notaufnahme eine Schlüsselrolle in der notfall­medizi­nischen Versorgung der Menschen in Dresden und Ost­sachsen ein. „Unser Schwerpunkt liegt vor allem auf der Schwerstverletztenversorgung im Rahmen des überregionalen Traumazentrums”, erklärt Katja Mühle, die als Funktions­bereichs­leiterin der chirurgischen Notaufnahme am Universi­tätsklinikum Dres­den viele Fäden in der Hand hält. Das hohe Patientenaufkommen kommt alleine schon durch die Tatsache zustande, dass die Notauf­nahme an allen Tagen im Jahr 24Stun­den geöffnet hat, aber auch weil sie explizit ein Be­hand­lungsspektrum aufweist, dass Krankheits­bilder aller chirurgischen Fachdisziplinen umfasst. Von der Unfall- über die Kin­der- bis zur Neuro­chir­ur­gie – um nur einige der Teil­diszi­pli­nen zu nennen. „Damit sind wir der größte Notfall­bereich am Universitätsklinikum“, sagt der ärztliche Leiter PD Dr. Christian Kleber.

v.l.: Katja Mühle (Funktionsbereichsleiterin der chirurgischen Notaufnahme), Dr. Anne Osmers (geschäftsführende Leiterin der chirurgischen Notaufnahme) und Privatdozent Dr. Christian Kleber (Ärztlicher Leiter der chirurgischen Notaufnahme) / Foto: Foto: Universitätsklinikum Dresden/Thomas Albrecht

Verdopplung der Behandlungsplätze

Nachdem die Notaufnahme im Haus 58 ohnehin nur eine provisorische Heimat gefunden hat, stoßen die entsprechende Infra­-struk­tur und die Belastbarkeit der Mitarbeiter inzwischen an ihre Grenzen. Natürlich wird man sich auch im Haus 32 über mangelnde Patientenzahlen nicht beschweren müssen, zumal am neuen Standort zusätzlich noch die Not­fallversorgung der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheil­kunde integriert wird. Um diese Herausfor­de­run­gen zu meistern, wird sowohl das Personal aufgestockt als auch die medizinisch-technische Ausstattung entscheidend verbessert. „Wir haben dann doppelt so viele Behandlungs­plätze wie am alten Standort“, sagt Katja Mühle, die von An­fang an in die bauliche Konzeptio­nierung involviert war.

Räumliche Trennung nach Grad der Verletzungsschwere

Um den unterschiedlichen Ansprüchen eines so breiten Be­hand­lungsspektrums besser gerecht zu werden, setzen die Medi­ziner auf das sogenannte Manchester-Triage-System. Dabei handelt es sich um ein standardisiertes Verfahren zur Erst­ein­schätzung der Patienten in der Notaufnahme, so dass eine Diffe­ren­zierung nach Grad der Schwere der Verletzung und Erkran­kung möglich wird. Mit dem System ist es viel einfacher und transparenter, die Behandlungs­prio­ri­täten einzuschätzen. „Wir erkennen dadurch viel schneller, bei welchen Patienten die Verletzungen so schnell es geht behandelt werden müssen“, sagt Anne Osmers, geschäftsführende Leiterin der chirurgischen Notauf­nahme. Für die Patienten wird die Kategori­sie­rung durch eine räumliche Tren­nung bemerkbar, die zusätzlich durch eine unterschiedliche und alltagsverständliche Farbgebung verdeutlicht wird.

Die Notaufnahme besteht im Haus 32 deshalb aus den drei verschiedenen Bereichen Rot, Gelb und Grün. Schwerver­letzte und akute Notfälle mit Lebensgefahr werden im roten Bereich versorgt. Überwachungspflichtige Patienten sind im gelben und Leichtverletzte im grünen Bereich untergebracht. Die Patien­ten­gruppen kommen dabei nicht miteinander in Kontakt, was eine effiziente, sorgfältige und der Verletzung angemessene Behandlung ermöglicht. In Deutschland wurde das Man­ches­ter-Triage-System 2008 zum ersten Mal an der Berliner Charité in einer Universitätsklinik eingeführt.

Kurze Wege für schnelle Behandlungsoptionen

Von dort kam 2015 PD Dr. Christian Kleber nach Dresden. Der ärztliche Leiter in der chirurgischen Notauf­nah­me kennt die Vorteile des Systems und konnte seine Expertise bei der Bauplanung mit einbringen. Die neue Raumstruktur geht einher mit dem Prinzip der kurzen Wege, das dem Bau­geschehen im Haus 32 ohnehin zugrunde liegt und das für eine optimierte Logistik im Klinikalltag sorgt. Ein Aspekt betrifft dabei die Luftrettung, die in der Notfallchirurgie eine bisweilen lebensentscheidende Rolle spielt. Zwar befindet sich der Hub­schrauber­landeplatz weiterhin auf dem Dach des benachbarten Hauses 59. Über eine Brücke und einen Fahr­stuhl sind die beiden Gebäude direkt miteinander verbunden, so dass die Patienten vom Lande­platz aus direkt in den Schockraum ge­bracht werden können. „Bisher mussten die Patienten noch durch die Gänge geschoben werden“, erklärt Dr. Anne Osmers. Im Planungs­pro­zess wurden auch die Er­fah­rungen vergleichbarer Neubau­vor­haben genutzt. Die Anordnung von getrennten mehreren Behandlungs- bzw. Über­wachungsplätzen direkt am administrativen Stützpunkt der chirurgischen Not­aufnahme bietet sowohl den Patienten das Gefühl der Betreuung als auch dem Pflege­personal die Sicherheit der notwendigen Überwachung der Patienten.

Effizientes Einbahnstraßensystem

Verbessert hat sich auch die Wegeführung generell. Konnten am alten Standort nur die Teams aus zwei Rettungswagen para­llel die Patienten dem Team der chirurgischen Notauf­nah­me übergeben, gibt es im Haus 32 insgesamt sieben Stell­plätze für die Fahrzeuge. Die Rettungswagen können eigenständig an- und abfahren, ohne dass ein parallel agierendes Fahrzeug rangieren muss. Zudem gibt es eine strikte Trennung zwischen den Selbst­vor­steller-Patienten und jenen, die mit dem Rettungs­wagen ankommen. Auch im Haus selber wird ein Einbahn­straßen­­system etabliert. Patienten auf dem Weg ins Behand­lungs­­zim­mer treffen dabei nicht auf jene Patienten, die bereits untersucht wurden. Engstellen werden so vermieden. Im groß­zügigen Warte­be­reich mit 64 Plätzen können die Pa­tienten über einen Monitor sehen, wie lange sie sich noch gedulden müssen. Gleichzeitig überwacht ein Sicherheitsdienst an einer festen Position das Geschehen. Die Maßnahmen sind notwendig, da in der Ver­gangenheit leider Übergriffe auf das Personal der CNA vorkamen. Für den Ernstfall verfügt die chirurgische Notaufnahme im neuen Operativen Zentrum daher über ein entsprechendes Sicher­heits­konzept.

Schnelle Umstellung auf Katastrophenbetrieb

Ein wichtiger Aspekt bei der Planung war die schnelle Anpassung der chirurgischen Notaufnahme im Katastrophen­fall. „Angesichts der allgemeinen Sicherheitslage sowie der Zunahme von Massenunfällen und Katastrophen wollten wir uns ganz bewusst für diese Fälle wappnen, um der Lage schnell und so gut es geht Herr zu werden“, sagt PD Dr. Christian Kleber. Die Umstellung der Notaufnahme auf einen solchen Extremfall wurde dabei so konzipiert, dass der reguläre Betrieb weiterlaufen kann. Neu integriert ist etwa eine Dekonta­mina­tions­einheit und ein eigener Zugang für die Katastrophenopfer durch eine Schleuse, so dass eventuell infizierte Patienten mit den regulären Patienten nicht in Kontakt kommen. Auch die Einsatzleitung für die Bewälti­gung der Katastrophe wird zukünftig von einem eigenen Raum im Haus 32 gesteuert.

Modernste medizintechnische Ausstattung

Die medizintechnische Ausstattung im Haus entspricht höchsten Standards. Im roten Bereich stehen unter anderem zwei speziell ausgestattete Schockräume für schwerverletzte und polytraumatisierte Patienten zur Verfügung. Einer dieser Reanimierungsräume hat eine Doppelfunktion und kann im Bedarfsfall schnell und unkompliziert in einen Not-Ope­ra­tions­saal verwandelt werden. Für die Radiologie steht ein Computer­tomograf im Raum direkt neben dem Schock­raum. „Für Poly­traumen ist die Computertomografie das entscheidende bildgebende Verfahren. Am alten Standort mussten wir den Patienten nach der Erstsichtung erst in die Radiologie bringen, um die Aufnahmen am Computer­tomo­graf zu machen. Das ist nun glücklicherweise nicht mehr nötig“, sagt Dr. Anne Osmers. „Das spart Zeit und ist ein deutlicher Sicherheitsfaktor.“

Interdisziplinarität hat Methode

Ein handlungsleitendes Prinzip bei der Planung war die Einbeziehung der jeweiligen Fachdisziplinen, deren Mitar­bei­ter die in der Notfallambulanz aufgenommen Patienten weiter versorgen. Diese Interdisziplinarität hat Methode am Uni­versitäts­klinikum Dresden. In enger Abstimmung mit dem UniversitätsCentrum für Gesundes Altern wurde beispielsweise ein abgeschirmter Raum für die Behandlung geriatrischer Patienten geschaffen. Und manchmal müssen Angehörige dort auch Abschied zu nehmen. „Die psychosoziale Nachsorge hat bei uns eine hohe Priorität. Wir betrachten das Thema mit größter Sorgfalt“, sagt PD Dr. Chris­tian Kleber. Natürlich verlangt auch die Behandlung von Kindern eine hohe Sensi­bi­li­tät. Um diese zu gewährleisten, setzt man im neuen Haus 32 auf separate Bereiche für die Kinder- und Erwachsenen­notfallchirurgie. Es gibt einen eigenen Warte­bereich für die jungen Patienten mit einer Spiel- sowie einer Stillecke und auch einen Kindergipsraum. Einer der beiden Schockräume ist zudem kinderspezifisch ausgestattet. Generell wurde der Neubau von Haus 32 an den Richtlinien der Uniklinik für eine Zentralisierung der Not­fallmedizin orientiert. Bereits beim Haus 59 wurde auf die räumliche Nähe von OP und Patienten­versorgung geachtet. Mit dem Umzug der chirurgischen Notaufnahme in das neue Haus 32 ist einer der letzten Schrit­te in diese Richtung getan, auch weil die Hals-, Nasen-, Ohrenklinik nun mit der Not­aufnahme verbunden ist.       

Text: Philipp Demankowski

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