Millimeterarbeit am Rückgrat

Prof. Dr. Klaus-Dieter Schaser, Ärztlicher Direktor des UniversitätsCentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie / Foto: Christoph Reichelt
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Mit dem neu errichteten Operativen Zentrum im Haus 32 erhält auch die Wirbelsäulenchirurgie ein optimales Umfeld für eine zunehmend digitalisierte Medizin.

Der Erfolg der Wirbelsäulenchirurgie ist eng mit der Ent­wicklung innovativer Bildgebungsverfahren verbunden. Detaillierte, dreidimensionale Bilder aller Strukturen geben den Chirurgen wichtige Hinweise, um Eingriffe optimal planen und ausführen zu können. Dazu nutzen die Mediziner Navigationssysteme, die mit Daten aus Computertomograf (CT) und Magnetresonanztomograf (MRT) arbeiten. Diese Systeme unterstützen die Ärzte dabei, millimetergenau zu operieren. Dabei geben Erfahrungsschatz, Know-how sowie interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit des OP-Teams den entscheidenden Ausschlag für den Erfolg eines jeden Eingriffs.

Präzision auch in komplexen Regionen

Eine evidenzbasierte und leitliniengerechte Wirbelsäulen­chirurgie umfasst heute alle modernen Verfahren der bildgebenden Diagnostik und operativen Therapie von Wirbel­säulen­leiden. Insbesondere die Möglichkeiten der intraoperativen, zwei- oder dreidimensionalen Bildgebung einschließlich einer computergestützten Navigation erlauben heute einen enormen Zugewinn an intraoperativer Orientierung. Diese vom UniversitätsWirbelsäulencentrum, bestehend aus der Klinik für Neurochirurgie und dem UniversitätsCentrum für Ortho­pädie und Unfallchirurgie des Dresdner Uniklinikums (OUC) angewandten Technologien ermöglichen es den Chirurgen, auch bei Operationen in anatomisch komplexen Regionen minimalinvasive Zugänge zu nutzen. Das vom Universitäts­Wirbelsäulen­centrum angebotene Spektrum der Eingriffe reicht von klassisch offenen Verfahren über mikrochirurgische, minimalinvasive bis hin zu endoskopisch assistierten oder navigationsgestützten OP-Techniken. Das neue Zentrum bietet mit seinen verschiedenen OP-Sälen und modernster Aus­stattung beste Voraussetzungen für die Mediziner.

Prof. Dr. Gabriele Schackert, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neuro­chirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden / Foto: Christoph Reichelt

Keine Schädigung durch Kontrolle der Nervenströme

Die Verfahren sind an allen Abschnitten der Wirbelsäule einsetzbar: Bei der Behandlung von Verletzungen, Fehlbildungen und degenerativen Veränderungen ebenso, wie beim operativen Entfernen von Tumoren oder von entzündlichen Ver­än­de­rungen. So ist es den spezialisierten Chirurgen des Wir­bel­säulencentrums heute möglich, nahezu in allen Lebens­ab­schnitten Verände­rungen der Wirbelsäule mehrdimensional zu korrigieren und die Ausrichtung beziehungsweise das Profil der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte wiederherzustellen. Dass hierbei kei­ne Schädigungen und funktionelle Defizite des Rückenmarkes und der Nervenwurzeln auftreten, lässt sich während der Operation durch das sogenannte intraoperative Neuro­moni­toring – also die Kontrolle der Nervenströme – kontinuier­lich überprüfen.

Bei Wirbelkörperbrüchen wenn möglich minimalinvasiv

Verletzungen der verschiedenen Wirbelsäulenabschnitte reichen von einfachen, durch Osteoporose hervorgerufene Brüche bei alten Menschen, bis hin zu hochinstabilen Wirbel­kör­per­frakturen mit Verlegung des Spinalkanals und traumatischem Querschnittssyndrom, wie sie häufig bei mehrfachverletzten Patienten vorkommen. Derartige Brüche können die Spezialis­ten des Universitätsklinikums Dresden heute überwiegend minimalinvasiv versorgen. Unter anderem verwenden die Chirurgen dafür spezielle Schrauben, die sie schonend durch die Haut an den seitlichen hinteren Anteilen der Wirbel – den Wir­bel­­bogenpfeilern oder Pedikeln – einsetzen.

Intraoperative Kontrolle jederzeit möglich

Als weiteres minimalinvasives Verfahren nutzen die Wirbel­säulenspezialisten die Thorakoskopie: Dabei verwenden sie ein Endoskop, um über den Brustraum – Thorax – zum Rücken zu gelangen. Auf diese Weise kann eine große offene Ope­ra­tion vermieden werden. Zudem ist es dank moderner Bild­gebungs­verfahren, wie sie im neuen Operativen Zentrum vorhanden sind, möglich, an der oberen Halswirbelsäule, der Brustwirbel­säule und dem Kreuz­bein über die Haut eingebrachte Implan­tate intraoperativ auf ihre korrekte Lage und Position zu kontrollieren. So können die Ärzte unmittelbar auf eventuelle Fehl­­lagen reagieren. Dadurch lassen sich weitere postoperative Bildgebung und sekundäre Revisionseingriffe vermeiden. Um Operatio­nen sicher zu planen und auszuführen, können intraoperativ gewonnene Daten­sätze mit denen der Magnet­reso­nanztomo­graphie oder der Posi­tro­nen-Emissions-Tomo­gra­phie zusammengeführt werden. Dazu tragen auch sechs  Spe­zial-OP-Säle bei, die digital voll integriert sind. Diese vom Me­dizintechnik- und Medizin­informatik-Spezialisten Brainlab geschaffene Vernet­zung führt die Datenquellen unterschiedlicher Hersteller zusammen.

Navigationssteuerung minimiert Defektrisiko

Diese moderne Ausstattung ermöglicht es den Spezialisten des Universitätsklinikums Dresden, auch Tumore an der Wirbelsäule und dem Becken navigationsgestützt in höchster Präzision zu entfernen. Das erhöht die onkologische Sicher­heit und reduziert gleichzeitig die Aus­maße der durch den Eingriff entstehenden Defekte sowie das Ausmaß OP-bedingter Defizite in der Beweglichkeit des Pa­tien­ten. Auch vergleichsweise häufig auftretende degenerative Verände­run­gen wie beispielsweise Bandscheiben­vorfälle, verengte Spi­nal­kanäle und Wirbelgleiten können von den spezialisierten Chirurgen unter bestimmten Voraussetzungen minimalinvasiv-mikrochirurgisch oder auch endoskopisch versorgt werden, ohne dass es dabei zu nennenswerten Gewebe­schäden kommt. Dank dieser schonenden Verfahren lässt sich unter anderem das Risiko einer Narben­bildung im Rücken­marks­kanal ebenso minimieren wie die bei offenen Opera­tio­nen auftretende Schädigung der Rücken­muskulatur.

Bestmögliche Zertifizierung

Die große Expertise der Experten am Universitätsklinikum zeigt sich in der Beurteilung der Arbeit. So wurde das Wirbel­säulen­zentrum am Universitätsklinikum Dresden im Sep­tember 2016 durch die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft als erstes seiner Art in Ostdeutschland mit der Versorgungsstufe – „Level 1“ – zertifiziert. Hier können Pa­tien­ten mit sehr komplexen Thera­pien versorgt werden. Das Zentrum bündelt da­für die besonderen Expertisen der Orthopädie, Un­fall­chirurgie und Neuro­chir­ur­gie des Dresdner Uniklinikums, die in der neuen Einrichtung gleichberechtigt und fachübergreifend zusammenarbeiten. Mit dem interdisziplinär ausgerichteten Spek­trum dieses Zentrums, das von der Versorgung Schwerst­verletzter über komplexe tumorchirurgische Ein­griffe bis hin zu Opera­tionen von schwerwiegenden Degenerationen sowie Verfor­mun­gen der Wirbel­säule reicht und dabei auch alle Aspekte der nichtoperativen, konservativen Therapie anbietet, stellt das Universitäts­klini­kum Dres­den erneut seine Kompe­tenz als führendes univer­sitäres Krankenhaus der Maximal­versorgung unter Beweis. Mit dem Operativen Zentrum bekommen diese Spezialisten eine hoch­moderne Wir­kungs­stätte zum Ausbau der Expertise.

Fotos: Universitätsklinikum Dresden/Thomas Albrecht

Expertise bei der Behandlung von Tumoren

Geleitet wird das neue Zentrum von Prof. Dr. Dr. Alexander Disch vom UniversitätsCentrum für Orthopädie und Unfall­chirurgie (OUC) sowie den Oberärzten Dr. Dino Podlesek und Dr. Furat Raslan aus der Klinik für Neurochirurgie. Insbe­sondere auf dem Gebiet der Rückenmarkstumore verfügt die Klinik für Neurochirurgie unter Leitung von Frau Prof. Dr. Gabriele Schackert über eine ausgewiesene Exper­tise. Eine weitere Ex­per­tise des Wirbelsäulenzentrums ist die chirurgische Ver­sorgung von Patienten, deren Wirbel­körper von bestimmten Tumorformen befallen sind. Für sie besteht die Option, mehrere befallene Segmente am Stück zu entfernen und durch ein Wirbelkörperimplantat zu ersetzen. Gerade hierfür besitzen Prof. Dr. Dr. Alexander Disch und Prof. Dr. Kaus-Dieter Schaser, Ärztlicher Direktor des OUC, eine umfassende klinische und wissenschaftliche Erfahrung.

Kooperationen für bestmögliche Behandlung.

Gleiches gilt für Patienten, bei denen sich bereits Metastasen in den Wirbelkörpern abgesetzt haben. Auch diese lassen sich in Kombination mit einer Bestrahlungstherapie wirkungsvoll beseitigen. Das erhöht die Chancen, statisch-biomechanische Probleme sowie bestehende oder drohende neurologische Einschränkungen und Schmerzen zu vermeiden. Die zertifizierten Zentrumsstrukturen und die interdisziplinäre Exper­tise des Wirbelsäulenzentrums sind rund um die Uhr, also 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, über das ganze Jahr verfügbar. Der bestmögliche Behand­lungserfolg wird sichergestellt durch die Zusammenarbeit mit anderen Zentren des Uniklinikums Dresden – unter an­derem mit dem Universitäts KrebsCentrum, dem Univer­sitäts SchmerzCentrum sowie dem überregionalen Trauma­zentrum, aber auch externen Koope­rations­partnern wie der Reha-Klinik Bavaria Kreischa.                                         

 

Text: UKD

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