Warum gutes Hören ab 50 so wichtig ist
Hörverlust entsteht meist schleichend – und bleibt daher oft lange unbemerkt. Gerade ab dem 50. Lebensjahr gewinnt das regelmäßige Testen des Hörvermögens jedoch erheblich an Bedeutung: für die berufliche Leistungsfähigkeit, soziale Interaktion und geistige Gesundheit.
Im Interview erklärt Hörakustikermeister Adrian Rößger, welche frühen Warnsignale ernst genommen werden sollten, welche weitreichenden sozialen und kognitiven Folgen unbehandelter Hörverlust haben kann und warum eine frühzeitige Versorgung mit moderner Hörtechnik den entscheidenden Unterschied für Lebensqualität und Gesundheit macht.
Warum wird das regelmäßige Testen des Hörvermögens gerade ab 50 so wichtig?
Bereits ab dem dritten Lebensjahrzehnt beginnen die sensorischen Fähigkeiten langsam abzunehmen. Da sich Veränderungen des Hörvermögens in der Regel schleichend vollziehen, ist ein Hörtest ab etwa 50 Jahren sinnvoll, um zu überprüfen, ob die Hörwerte noch im altersentsprechenden Normbereich liegen. Dieses Alter dient als Orientierungswert, da viele Menschen noch aktiv im Berufsleben stehen und ein früh erkannter Hörverlust gut kompensiert werden kann. Das individuelle Hörvermögen hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab, etwa von der persönlichen Lärmbelastung, der Lautstärke beim Musikhören, dem beruflichen Umfeld sowie vom allgemeinen Stressniveau.
Welche frühen Anzeichen für Hörverlust beobachten Sie häufig?
Häufig berichten Betroffene zunächst über schnelle Ermüdung im Alltag, die mit Konzentrationsschwierigkeiten einhergeht. In der Folge sinkt die Leistungsfähigkeit spürbar. Im beruflichen Umfeld treten vermehrt Verständigungsprobleme auf, Missverständnisse oder Fehlinterpretationen häufen sich. Auch im privaten Bereich zeigen sich Einschränkungen: Geräusche aus größerer Entfernung werden schlechter wahrgenommen, Gespräche in Gruppen fallen zunehmend schwer und kulturelle Erlebnisse wie Konzertbesuche verlieren an Qualität.
Welche sozialen und kognitiven Auswirkungen hat ein unentdeckter Hörverlust?
Bleibt ein Hörverlust unbehandelt, neigen viele Betroffene dazu, belastende Situationen zu vermeiden. Gesellschaftliche Aktivitäten werden als anstrengend empfunden, da Gesprächen nur schwer gefolgt werden kann. Gefühle von Scham und sozialer Ausgrenzung nehmen zu, was häufig zu Rückzug oder Isolation führt. Nicht selten entwickeln sich daraus psychische Erkrankungen wie Depressionen. Intakte Sinnesleistungen sind zentral für soziale Interaktion und wirken präventiv gegenüber kognitiven Erkrankungen wie einer frühzeitigen Demenz. Fehlen akustische Reize, wird das Gehirn weniger stimuliert, was langfristig zu strukturellen Veränderungen führen kann – erste Anzeichen zeigen sich oft in zunehmender Vergesslichkeit.
Wie groß ist der Unterschied zwischen früh und spät erkannter Hörminderung?
Im Durchschnitt vergehen etwa acht Jahre, bis Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Dabei steigen die Erfolgsaussichten deutlich, je früher eine Versorgung erfolgt. Bei frühzeitiger Intervention kommen die meisten Patientinnen und Patienten innerhalb von drei Monaten gut mit der Hörunterstützung zurecht. Wird der Hörverlust hingegen über Jahre ignoriert, kann die Eingewöhnungsphase bis zu anderthalb Jahre dauern. In sehr fortgeschrittenen Fällen ist eine vollständige Anpassung kaum noch möglich. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt dies deutlich: Ein Kunde kam erst mit 90 Jahren nach jahrzehntelangem Hörverlust. Wäre er bereits mit 60 gekommen, hätte er über Jahrzehnte hinweg erheblich an Lebensqualität gewinnen können.
Welche modernen Verfahren ermöglichen deutlich präzisere Hörtests?
Neben der klassischen audiometrischen Messung mittels HCT-Test erfassen wir Hörschwelle, Dynamikbereich sowie Sprachverständnis und damit auch kognitive Hörverarbeitung. Ergänzend kommen Tests zum Einsatz, bei denen Alltagsgeräusche wie Babygeschrei oder Geschirrklappern bewertet werden. Die Kundinnen und Kunden geben an, ob diese als zu laut oder zu leise empfunden werden. Dadurch lässt sich nicht nur das objektive Sprachverstehen, sondern auch die subjektiv angenehme Lautstärke präzise bestimmen. Moderne Hörsysteme sind heute mit KI-gestützten Chips ausgestattet, die sich automatisch an unterschiedliche Hörsituationen anpassen. Zudem ermöglichen sie komfortables Telefonieren und Musikhören.
Warum scheuen viele Menschen den Hörtest trotz erster Symptome und wie kann man die Hemmschwelle für einen Test senken?
Viele Betroffene nehmen beginnende Hörprobleme zunächst nicht bewusst wahr oder führen Einschränkungen auf Stress und Belastungen des Alltags zurück. Häufig besteht zudem eine gewisse Zurückhaltung gegenüber ärztlichen Untersuchungen. Um diese Hemmschwelle zu senken, bieten wir einen niedrigschwelligen Online-Hörtest auf unserer Website an. Dieser ermöglicht eine erste Einschätzung und hilft festzustellen, ob weiterer Handlungsbedarf besteht.
Wie oft empfehlen Sie Menschen ab 50 einen Hörtest und wie verändert sich die Lebensqualität nach einer frühzeitigen Versorgung?
Bei unauffälligem Befund empfehlen wir ab dem 50. Lebensjahr einen jährlichen Hörtest. Gutes Hören trägt wesentlich zur Lebensqualität bei. Wer frühzeitig handelt, kann bis ins hohe Alter akustische Eindrücke wie Vogelgesang wahrnehmen, Musik genießen und aktiv an Gesprächen teilnehmen – sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld.
Hörakustik Adrian Rößger
Gerbergasse 4 I 01662 Meißen
Telefon: 03521 476 05 91
www.hoerakustik-roessger.de
Interview: Sabine Dittrich

