„Der Mensch ist kein Bildbefund“!

Tobias Jantsch / © Bastian Hanitsch
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Ein Interview mit Tobias Jantsch über die Rückkehr zur Kunst der Diagnostik

Moderne Medizin ist heute so bildgewaltig wie nie zuvor – und doch geht dabei oft der Blick für den Menschen verloren. Zwischen MRT-Befunden, Zahlenwerten und technischen Diagnosen gerät das Verständnis für den Körper als zusammenhängendes System zunehmend in den Hintergrund. Im Gespräch mit dem Top Gesundheitsform Dresden spricht Tobias Jantsch von Lavida Medizentrum – Zentrum für Gelenk- & Wirbelsäulenrekonditionierung darüber, warum echte Diagnostik mehr ist als das Lesen von Bildern, weshalb Empathie eine medizinische Kompetenz darstellt und warum es Zeit ist, den Körper wieder als das zu begreifen, was er ist: ein intelligentes, reagierendes System.

Top: Herr Jantsch, Sie sagen sehr deutlich: „Ein MRT kann keinen Menschen lesen. Ein Körper schon.” Was meinen Sie damit?
Tobias Jantsch: Wir haben die Medizin technisch auf ein extrem hohes Niveau gebracht. Wir sehen heute mehr hochauflösende Bilder als jemals zuvor. Und gleichzeitig verstehen wir den Men­schen dahinter immer weniger. Ein MRT zeigt Strukturen, Zu­stände, Momentaufnahmen – aber keine Zusammenhänge. Ein Körper hingegen zeigt Reaktionen, Kompensationen, Schutz­mechanismen. Wenn man weiß, wie man ihn liest, erzählt er eine klare Geschichte. Diese Fähigkeit ist uns verloren gegangen.

Tobias Jantsch / © Bastian Hanitsch

Top: Sie sprechen von einer verlorenen „Kunst der Diagnostik“. Ist das nicht ein romantischer Blick auf frühere Medizin?
Tobias Jantsch: Nein, überhaupt nicht. Es geht nicht um Nostal­gie. Es geht um Kom­pe­­tenz. Die Kunst der Diag­nos­tik be­deutet: tasten, beobachten, zuhören, Bewegun­gen analysieren, Span­nungen wahrnehmen, Reaktio­nen verstehen. Diese Fähig­keiten sind nicht veraltet – sie wurden schlichtweg verlernt, weil wir uns zu sehr auf Bildgebung, Zahlen und Befunde verlassen haben. Technik ist wertvoll, aber sie darf das Denken nicht ersetzen!

Top: Was geht konkret verloren, wenn Diagnostik sich haupt­sächlich auf Befunde stützt?
Tobias Jantsch: Der Mensch wird fragmentiert. Wir behandeln „die LWS“, „das Knie“, „die Schulter“, aber nicht das System. Ein Körper funktioniert nie in Einzelteilen. Schmer­zen entstehen selten dort, wo sie empfunden werden. Sie sind oft Ausdruck eines überlasteten, unterversorgten oder fehlkompensierenden Systems. Wer nur Symptome behandelt, ohne die Zu­sam­men­hänge zu verstehen, wird langfristig scheitern.

© Claudia Menzel

Top: Sie arbeiten systemisch. Was bedeutet das in der Praxis?
Tobias Jantsch: Ein systemischer Ansatz heißt: Der Körper reagiert nie zufällig. Er kompensiert nach klaren Mustern. Diese Muster zeigen sich in Haltung, Atmung, Muskeltonus, Bewe­gung, Faszienspannung, vegetativen Reaktionen. Ich sehe Stoff­wechsel, Nerven, Hormone, Muskulatur und Faszien nicht getrennt, sondern in Wechsel­wirkung. Das kann kein MRT abbilden. Das spürt man mit Erfahrung und Präsenz.

Top: Viele Menschen vertrauen stark auf Bild­befun­de. Zu Recht?
Tobias Jantsch: Befunde haben ihren Platz, aber sie erklären keine Schmer­zen. In meiner täglichen Arbeit habe ich unzählige Men­schen gesehen mit „dramatischen“ MRT-Bildern ohne Be­schwer­­den – und genauso viele mit völlig unauf­fälligen Bildern, deren Körper längst im Notprogramm lief. Befunde zeigen Zustände, keine Zusammen­hänge. Schmerz ist Information. Und Information muss gelesen werden.

Top: Sie kritisieren auch den Umgang mit sogenannten therapieresistenten Beschwerden…
Tobias Jantsch: Ja, weil viele dieser Beschwerden nicht therapieresistent sind, sondern einfach falsch interpretiert. Wir be­han­deln Symp­tome wie Fehlercodes, statt sie als Hin­weise eines überlasteten Sys­tems zu verstehen. Das Pro­blem sind nicht „schwie­­­­rige Patient:in­nen“, sondern ein nicht-systemisches Denken.

© Bastian Hanitsch

Top: Sie betonen stark das Thema Verant­wortung – auch auf Seiten der Patien­t:innen…
Tobias Jantsch: Absolut. Mir geht es nicht um Klicks, Reich­weite oder Aufmerk­sam­keit. Es geht um Klarheit und Eigen­ver­ant­wor­tung. Wir entlasten das Gesund­heits­system nicht mit mehr Daten, sondern mit mehr Bewusstsein. Men­schen müssen lernen, ihren Körper zu verstehen – nicht erst dann, wenn alle Bilder unauffällig sind, aber die Schmerzen bleiben.

Top: Was macht für Sie einen guten Medizi­ner oder Behandler aus?
Tobias Jantsch: Nicht Titel, nicht Zertifikate. Ein guter Behand­ler kann sehen, füh­len und verstehen. Em­pa­thie ist kein „Soft Skill“. Em­pa­thie ist Diag­nostik. Empathie ist Wis­sen­­schaft. Sie ist der Anfang jeder funktionierenden Therapie, weil sie den Menschen als Ganzes wahrnimmt – nicht als Fallnum­mer oder Befund­samm­lung.

Top: Wenn Sie eine zentrale Botschaft formulieren müssten – welche wäre das?
Tobias Jantsch: Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir Men­schen weiter verwalten – oder wollen wir sie verstehen? Ich habe meine Entscheidung getroffen. Wir brauchen eine Diag­nostik, die mit den Händen beginnt, Zusammenhänge erkennt statt Schichten und akzeptiert, dass Gesundheit ein System­zustand und kein Zufalls­produkt ist, sondern das Ergebnis von Verstehen.

Lavida medizentrum –
Zentrum für Wirbelsäulenkonditionierung

Weststraße 14, 01917 Kamenz
Telefon. 03578 366 93 56
www.lavida-medizentrum.de

Interview: Sabine Dittrich

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