Welche Gesundheitsversorgung können wir uns noch leisten?

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer / Foto: Knut Köhler © SLÄK
0
Im Gespräch mit Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

Gesundheit ist eines der kostbarsten Güter unserer Gesellschaft – und zugleich eines der teuersten. Medizinischer Fortschritt, demografischer Wan­del und steigende Erwartungen der Patientinnen und Pa­tienten treffen auf ein System, das finan­ziell, personell und strukturell unter Druck steht. Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, spricht im Interview über Priorisierung statt Rationierung, die Bedeutung von Präven­tion und Eigenverantwortung, Chan­cen und Grenzen von Longevity, den Umgang mit medizinischem Fortschritt sowie über die Frage, wie eine flächendeckende Ver­sorgung in Stadt und Land auch künftig gelingen kann.

Top: Herr Bodendieck, wenn Sie es auf einen Satz bringen müssten: Welche Gesundheitsversorgung können – und müssen – wir uns in Deutschland noch leisten?
Erik Bodendieck: Wir müssen uns eine Gesundheitsversorgung leisten, die vor allem schwerwiegende, potenziell tödliche Erkran­kun­gen nach dem aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Stand behandelt – also Krebs, schwere Herz-Kreislauf-Erkran­kungen oder vergleichbare Leiden. Das ist für mich das notwendige Maß im Sinne des Sozialgesetzbuches. Darüber hinaus gibt es viele Leistungen, die zwar das Wohlbefinden steigern, aber nicht unbedingt lebensnotwendig sind. Dort beginnt der Graubereich – und auch die Frage nach der Eigenverantwortung des Einzelnen.

Top: Muss sich diese Gewichtung angesichts knapper Kassen und begrenzter Kapazitäten verändern?
Erik Bodendieck: Diese Debatte müssen wir unabhängig von der aktuellen Finanzlage führen. Medizinischer Fortschritt wird zunächst immer teurer – nicht, weil sich jemand bereichert, sondern wegen hoher Entwicklungs- und Forschungskosten. Denken Sie etwa an genetische Voruntersuchungen, die heute gezielt Therapien steuern können. Das ist medizinisch sinnvoll, kostet aber sehr viel Geld und Personal. Die eigentliche Frage lautet: Wie organisieren wir unser System so, dass es zukunftsfähig bleibt – finanziell wie strukturell?

Top: Ein häufig genannter Begriff ist die Priorisierung. Was verstehen Sie darunter?
Erik Bodendieck: Priorisierung wird oft mit Rationierung verwechselt, und das ist falsch. Priorisierung bedeutet, aus Sicht des einzelnen Patienten zu entscheiden, was ihm tatsächlich nützt und was ihm möglicherweise schadet. Gerade bei älteren Menschen kann Übertherapie mehr Schaden anrichten als Nutzen. Manchmal ist es sinnvoller, Medikamente zu reduzieren, statt immer neue hinzuzufügen. Es geht um medizinische Vernunft, nicht um das Vorent­halten von Leistungen.

Top: Prävention und Eigenverantwortung spielen dabei eine große Rolle. Wo stehen wir da?
Erik Bodendieck: Ein Großteil unserer Volkskrankheiten ist präventabel: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Tumorer­kran­kun­gen, Leberleiden. Die Ursachen sind bekannt – Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel, Überernährung. Prävention heißt nicht, auf die nächste Pille zu hoffen, sondern den eigenen Lebensstil zu reflektieren und anzupassen. Ernährung, Bewegung, Schlaf und ein maß­volles Leben sind entscheidender als jede Nahrungs­ergänzung.

Top: Das Stichwort Longevity ist in aller Munde. Wie stehen Sie zu dem Versprechen eines langen, gesunden Lebens?
Erik Bodendieck: Das Ziel sollte sein, so lange wie möglich gesund zu leben – nicht, das Altern zu verhindern. Der menschliche Körper altert, das ist unvermeidlich. Entscheidend ist, wie wir altern. Bewe­gung, maßvolles Essen, soziale Einbindung und eine realistische Einstellung zum eigenen Alter sind zentrale Faktoren. Ich bin sehr skeptisch, was die Vorstellung angeht, Altern ließe sich mit Pillen oder kurzfristigen Trends aufhalten.

Top: Welche Rolle spielt dabei der wissenschaftliche Fortschritt?
Erik Bodendieck: Der Fortschritt ist enorm und bietet große Chancen. Aber wir müssen ihn sinnvoll einsetzen und fair zugänglich machen. Stadt-Land-Unterschiede lassen sich durch Tele­medizin, gut ausgebildetes nichtärztliches Fachpersonal und bessere Vernetzung abmildern. Voraussetzung ist allerdings eine funktionierende digitale Infrastruktur – und daran hapert es in Deutschland noch massiv.

Top: Stichwort Digitalisierung: Wo stehen wir aktuell?
Erik Bodendieck: Wir digitalisieren oft nur schlechte analoge Pro­zesse, statt sie neu zu denken. Ein schlechter Prozess wird nicht besser, nur weil er elektronisch ist. Elektronische Patienten­akten, Telekonsile und moderne Kommunikation könnten enorme Entlastung bringen – wenn sie konsequent und sinnvoll umgesetzt werden.

Top: Ein zentrales Problem bleibt der Ärztemangel, vor allem im ländlichen Raum. Wie lässt sich gegensteuern?
Erik Bodendieck: Wir haben so viele Ärztinnen, Ärzte und Pflege­kräfte wie nie zuvor – und trotzdem reicht es nicht. Teilzeitmodelle und steigende Anforderungen führen dazu, dass für eine Stelle oft zwei oder mehr Personen nötig sind. Für den ländlichen Raum braucht es deshalb neue Versorgungsmodelle und echte Daseins­vorsorge: guten Nahverkehr, Bildung, kulturelle Angebote und gegebenenfalls finanzielle Anreize wie eine Landzulage plus Digitalisierung. Zwang allein wird nicht funktionieren.

Top: Wenn Sie einen gesundheitspolitischen Schwerpunkt für Ihre Amtszeit benennen müssten – welcher wäre das?
Erik Bodendieck: Ganz klar die Struktur unserer Gesundheits­versorgung. Krankenhausreform, ambulante Versorgung, Notfall­strukturen und Pflege müssen zusammengedacht werden. Parallel dazu müssen wir die Gesundheitskompetenz der Menschen stärken – und die Digitalisierung endlich sinnvoll vorantreiben. Mein Credo ist digital vor ambulant vor stationär. Das sind Mammut­aufgaben, die weit über meine aktuelle Amtsperiode bis 2027 hinausgehen. Aber wir müssen jetzt anfangen.
www.slaek.de

Sie interessieren Sich möglichweise auch für:

X